1. Die Festungspläne im Stadtarchiv
Mainz
Die Geschichte von Mainz wurde ganz wesentlich durch das Militär
geprägt. Bereits die Errichtung eines Legionslagers um 13/12 v.
Chr. auf dem Kästrich bildete die Grundlage für die spätere
Stadtbildung. Von 1620 bis 1918 war Mainz Festungsstadt und Garnisonsstandort.
Vier verschiedene Befestigungslinien wurden in diesen 300 Jahren um Mainz
angelegt: Angefangen von der bastionären Stadtbefestigung, über
die barocken Forts, die Militärbauten der Bundesfestung bis hin
zu den modernen Bunkern des beginnenden 20. Jahrhunderts.
Mainz und das Militär gehören daher untrennbar zusammen. Das
stellte auch schon Johann Wolfgang von Goethe fest, als er sagte: "Der
Bewohner von Mainz darf sich nicht verbergen, dass er für ewige
Zeiten einen Kriegsposten bewohnt: alte und neue Ruinen erinnern ihn
daran".
Aber nicht nur die „alten und neuen Ruinen“ – die
mehr oder weniger gut im Stadtbild erhaltenen militärhistorischen
Baudenkmäler also - erinnern an die Vergangenheit der Stadt, sondern
auch die Festungspläne, die in der Bild- und Plansammlung des Stadtarchivs
Mainz überliefert sind.
Sie stammen aus den Plankammern der kurfürstlichen und französischen
Festung, der Bundesfestung (1815-1866), der preußischen Festung
(1866-1873) und der Reichsfestung Mainz (bis 1919). Während die älteren
Pläne in den eigentlichen Planbestand einsortiert wurden, befinden
sich die Festungspläne des 19. Jahrhunderts noch entsprechend ihrer
alten Ordnung in durchnummerierten Mappen. Dabei handelt es sich um etwa
2500 Pläne, die durch ein Verzeichnis, das sich an das von der Fortifikationsbehörde
erstellte Verzeichnis anlehnt, grob erschlossen sind. Der vorliegende
Planbestand ist eine wertvolle Quelle für die historische Forschung.
Insbesondere bei städtischen Sanierungsprojekten, bei Fragen von
Denkmalschutz und Denkmalpflege oder etwa bei Umnutzungskonzepten militärhistorischer
Bausubstanz werden diese Dokumente oft von Historikern, Fachleuten der
städtischen Bauverwaltung und Architekten genutzt.
Die häufige Nutzung hat allerdings ihre Spuren hinterlassen. Etwa
die Hälfte der Pläne ist schwer beschädigt; diese Pläne
Interessierten vorzulegen, ist aus konservatorischer Sicht eigentlich
nicht mehr zu verantworten. Die Pläne sind teilweise eingerissen
und geknickt. Manche dieser Dokumente gleichen eher einem in mehrere
Teile zerfallenen Puzzle denn einer wertvollen historischen Quelle.
Das neu erwachte Interesse an der Erhaltung militärhistorischer
Bausubstanz, das sich beispielsweise in der Gründung der Initiative
Zitadelle Mainz e.V manifestiert, motiviert dazu, nicht nur die steinernen
Zeugen der Mainzer Geschichte, sondern auch die papierenen Denkmäler
der Nachwelt zu erhalten.
2. Das Projekt
In Zusammenarbeit mit der Cruse GmbH in Rheinbach und der Fotolabor
M GmbH in Stuttgart hat das Stadtarchiv ein Modellprojekt entwickelt,
das die Sicherung eines Teils der Festungspläne zum Ziel hat. Gleichzeitig
wird erstmals ein neuartiges Verfahren zur Langzeitarchivierung komplexer
digitaler Bildinhalte auf Mikrofilm erprobt.
Die Firma Cruse aus Rheinbach wird dem Stadtarchiv in Form des Sponsoring
für einen Zeitraum von etwa vier Monaten einen DIN A 0 Großscanner
kostenlos zur Verfügung stellen. Auf diesem Scanner werden die historisch
bedeutendsten bzw. konservatorisch bedenklichsten Festungspläne
eingescannt und als Tiff-Dateien auf DVDs vorläufig gespeichert.
Anschließend werden diese DVD’s zu der Firma Fotolabor M
GmbH in Stuttgart geschickt. Hier werden die digitalen Daten durch einen
RGB-Farblaser auf hochwertigen Ilford Micrographic Film konvertiert und
für die Langzeitarchivierung gesichert.
Von den TIFF-Dateien wird anschließend jeweils eine JPG-Version
erstellt und ebenfalls auf DVD gebrannt. Sie dient als Benutzerversion
für Präsentationszwecke im Lesesaal des Stadtarchivs. Das bedeutet,
dass die gescannten Pläne in Zukunft geschont, dafür aber digital
am Bildschirm genutzt werden können. Die wertvollen Originale werden
im Zuge dieses Projekts in säurefreie Mappen und nach unterschiedlichen
Format-Kategorien umgelagert. Damit sind sie keinen weiteren Belastungen
und eventuellen Schädigungen mehr ausgesetzt.
Die Restaurierung der bereits geschädigten Pläne ist momentan
nicht möglich. Die Restaurierung eines Planes würde etwa 500,--
bis 800,-- € kosten. Es kann davon ausgegangen werden, dass mindestens
500 Pläne dringend restaurierungsbedürftig sind. Angesichts
der angespannten Haushaltslage ist die Bereitstellung eines Investitionsvolumens
in Höhe von über 250.000 ,-- € aus städtischen Mitteln
vollkommen unrealistisch.
Insofern ist die Digitalisierung eines Teils der Festungspläne
die einzige Möglichkeit, ihren Erhalt im jetzigen Zustand zu sichern.
3. Die Projektpartner des Stadtarchivs
Cruse GmbH in Rheinbach
Die Cruse GmbH in Rheinbach stellt sehr leistungsfähige Großscanner
her.
Die wichtigste Besonderheit dieser Scanner ist das patentierte „Synchronlicht-System“ der
CS-SL Scannerfamilie. Damit eignet sich die CRUSE SL-Synchron Licht Scanner-Reihe
dazu, Archivalien direkt und in höchster Qualität zu digitalisieren.
Für Archive bietet das die Möglichkeit der archivgerechten
Digitalisierung und Reproduktion von großformatigen Archivalien.
Das Original liegt während des Scanvorgangs auf einem Tisch. Ein
Lichtbalken wird schrittweise über die Vorlage geführt. Synchron
dazu digitalisiert der Scanner die Bildinformation. Die damit erreichbare
Qualität liegt weit über dem, was man von konventionellen Flachbettscannern
gewohnt ist. Die spezielle Lichtführung gewährleistet eine
minimale Belastung der Vorlage: Empfindliche Vorlagen werden bis zu zehn
mal weniger dem Licht ausgesetzt, als dies bei den bislang üblichen
Verfahren der Fall ist.
Die aus dem Scanvorgang gewonnenen Daten sind wesentlich
schärfer als gewohnt. Damit sind geringere Scanauflösungen
und sehr viel kleinere Dateigrößen möglich. Die Bearbeitungszeiten
verkürzen sich und es wird weniger Speicherplatz benötigt.
Alle Cruse SL-SynchronLicht-Scanner haben eine Texture-Option.
Bei Bildreproduktionen beispielsweise kann man den Farbauftrag,
die Pinselführung
und etwaige Beschädigungen realitätsnah darstellen. Unter dem
Synchronlicht können Objekte bis zu einer Dicke von etwa zehn Zentimetern
berührungsfrei – bei absolut gleichmäßiger Ausleuchtung – digitalisiert
werden. Wenn höhere Objekte gescannt werden sollen, erfolgt die
Beleuchtung durch zwei seitliche Lichtschienen. Ein Vakuumtisch mit regulierbarer
oder gar abschaltbarer Saugkraft hält die Scanvorlage schonend an
ihrem Platz. Zu den Vorteilen des Cruse Scanners gehört auch die
maximale Schärfe bis in die Randbereiche durch optimierte Objektive
und eine 100%ige Parallelität.
Das Ziel bei der Digitalisierung von Urkunden und Plänen
ist die nahezu naturgetreue Erfassung des Originals. Dabei
ist nicht nur eine korrekte Farbwiedergabe wichtig, auch
die Materialbeschaffenheit und die Struktur muss deutlich
erkennbar sein.
Die bisherigen Verfahren über Reprokameras, Dia-Reproduktion, digitale
Fotografie oder Flachbettscanner sind sehr aufwändig, kostenintensiv
und gefährden teilweise die empfindlichen Vorlagen durch hohe Lichtbelastung
und mechanische Beanspruchung. Die Ergebnisse sind oft nicht ausreichend
und vor allem, was besonders betont werden muss, nicht originalgetreu.
Oft verschwinden Details und feine Differenzierungen des Originals, oft
stören Lichtreflexe und Schattenbildung.
Durch den Einsatz des Cruse-Scanners hat das Stadtarchiv Mainz die Möglichkeit,
wertvolle historische Pläne in höchster Qualität zu digitalisieren.
Die Fotolabor M GmbH Stuttgart
Fotolabor "M" GmbH hat ein neues Verfahren zur zuverlässigen
Langzeitarchivierung von digitalen und analogen Bilddaten entwickelt.
Mit dem savedpictures-system können nicht nur die Inhalte von geschichtlich
wichtigen Dokumenten, sondern auch die Farbigkeit, die Struktur und der
optische Zustand bis in kleinste Details und Nuancen langzeitarchiviert
werden. Mit dem savepictures-system wird eine praktisch verlustfreie
optische Wiederherstellung ermöglicht. Digitale Bildinhalte können
bis zu einer Größe von 1,5 Gigabyte auf Film gespeichert werden.
Das System besteht aus zwei Komponenten:
1. Ilford Micrographic Film
Eine entscheidende Komponente ist der Ilford Micrographic Film der sich
durch eine unübertroffen hohe Auflösung und Archivbeständigkeit
auszeichnet. Experten gehen bei einer Aufbewahrung unter optimalen Bedingungen
von einer möglichen Haltbarkeit von 2000 - 3000 Jahren aus, Tests
bei denen das Material künstlich gealtert wurde, errechnen eine
Haltbarkeit von "nur" ca. 500 Jahren und das nur, weil nach
einer 2,5 jährigen Wärmebehandlung mit 75° Celsius der
Träger brüchig wurde, die Farben waren auch nach dieser Strapaze
noch einwandfrei.
Die einmaligen Eigenschaften sind durch eine Vielzahl wissenschaftlicher
Untersuchungen bestätigt und werden von Archivfachleuten allgemein
anerkannt. Das savedpictures-system verarbeitet diesen Film in der gleichen
Weise, wie bei den bereits lange Zeit anerkannten und bewährten
analogen Verfahren. Der einzige Unterschied besteht in der innovativen
Belichtung dieses Filmes mit RGB-Lasern. Die Erkenntnisse über analoge
Datensicherung können ohne jede Einschränkung auf die digitale
Microverfilmung übertragen werden.
2. Laserbelichter
Der zweite Baustein ist ein RGB Laserbelichter der mit einer Auflösung
von 80 Linien/mm (d.h. 2032 dpi) Bilddaten in hoher Qualität auf
den Ilford Micrographic Film schreiben kann. Das so entstandene analoge
Bild kann bei Verlust des Originals oder der digiatalen Datei wiederum
in einer Qualität redigitalisiert werden, die dem unmittelbaren
Ursprungsdigitalisat des Originals entspricht
Die Archivierung des savedpictures System erfolgt im Format DIN A4.
Pro Film-Seite sind je nach Datengröße zwischen 1 und 64 Dateien
gespeichert. Die belichteten Filme werden in säurefreien Polyestertaschen
archiviert und nach den bei Fotografien üblichen raumklimatischen
Bedingungen gelagert.
4. Bedeutung des Projekts und Ausblick
Das Projekt bietet dem Stadtarchiv die Möglichkeit, wertvolle historische
Quellen, die in ihrer Erhaltung bedroht sind, mit einem Hochleistungsscanner
farbauthentisch zu digitalisieren. Das Problem der Haltbarkeit digitaler
Daten und der Folgekosten bezüglich langfristig geeigneter Speichermedien
ist durch den Einsatz des savedpictures System nachhaltig gelöst.
Galt der Mikrofilm bisher schon als das Optimum für die Langzeitarchivierung,
so ist durch den Einsatz der Laser-Belichtungstechnologie in Verbindung
mit dem Ilford Micrographic Film ein technologischer Quantensprung in
der Langzeitarchivierung gelungen.
Während im vergangenen Jahrzehnt häufig eine Entscheidung
zwischen den beiden Ersatzmedien – dem analogen Mikrofilm oder
der digitalen Speichertechnik – getroffen werden musste, hat sich
diese Situation nun geändert. Durch die Zusammenarbeit mit den Firmen
Cruse GmbH und Fotolabor M GmbH ist es dem Stadtarchiv Mainz möglich,
Informationen zwischen den beiden Medien auszutauschen und so die Vorzüge
beider zu nutzen: die farbauthentische Digitalisierung des Originals
und die langfristige verlustfreie Speicherung der analogen Kopie.
Ziel des Projektes ist es, den kompletten Workflow von Digitalisierung – Konvertierung – Redigitalisierung
in der Praxis eines mittelgroßen Stadtarchivs zu realisieren und
zu testen. Die daraus erzielten Erfahrungen bieten auch allen
anderen Archiven wertvolle Impulse für technologische und dienstleistungsspezifische
Innovationen im Bereich der sinnvollen Nutzung der digitalen
Technik.
Wirtschaftlichkeitsanalyse folgt! |